Bienchen, unersetzliche Killer


Pharmama hat letzthin in Ihrem Blog über den „Epipen“ referiert. Ziemlich unmissverständlich „Indiskutabel„: Hör zu: ein Epipen ist dafür da, Dein Leben zu retten. Wenn er abgelaufen ist, diskutiere nicht mir Deiner Apothekerin, ob Du ihn noch brauchen kannst. Hol. Dir. Einen. Neuen!

Nun ja, keep cool Pharmama, ich sehe das nicht so eng ;-)  Irgendwie spüre ich, wenn Sie das liest, wie Sie innerlich einen doppelten Salto mit dreifach Schraube vollführen!

Aber fangen wir von vorne an. Also eins muss man wissen, Bienen sind weltweit gesehen die Killer, es gehen wesentlich mehr Tote auf das Konto der Bienen, als alle Schlangen, Spinnen, Quallen, Kugelfische, also alle die Giftviecher zusammen aufaddiert. Einzig die noch kleineren Mücken mit dem leidigen Malaria (ca. 3 Mio. Tote pro Jahr) übertreffen die Bienchen. Es ist also einmal mehr eine Frage der Wahrnehmung. In unseren Breitengraden ist die Biene unangefochtene Nummer 1 !

Die Sache ist also nicht zu Verharmlosen. Hier ein paar Details zu Bienengift >>>

Alleine in den USA sind pro Jahr ca. 50 (40 bis 65) Tote durch Bienen, Wespen und Hornissen zu verzeichnen. Dies ergibt ca. 0,179 Todesfälle auf 1 Mio. Einwohner. Kurz hochgerechnet auf die Weltbevölkerung von ca. 7 Mia. heisst das 1’500 Tote pro Jahr weltweit, bei einer grossen Dunkelziffer und in nicht industrialisierten Ländern mit wohl höherer Todesrate.

Wilderness and Environmental Medicine, 16, 67 74 (2005)
Animal-Related Fatalities in the United States – An Update
Ricky L. Langley, MD, MPH
From the North Carolina Department of Health and Human Services, Division of Public Health, Raleigh, NC.

Details siehe hier: http://scark.org/docs/Animal%20Related%20Fatalities.pdf

In der Schweiz beklagen wir 3-4 Todesfälle pro Jahr, interessanterweise meist bei über 45jährigen mit kardiovaskulärer od. schwerer pulmonaler Komorbidität, ergo nicht ganz fitten Personen. Siehe hier >>>

Melittin (griech. von mélitta – die Biene) bezeichnet ein als Hauptbestandteil (50–70 %) im Bienengift enthaltenes kationisches Polypeptid, bestehend aus 26 Aminosäuren.

Ich bin ein Bienenallergiker

Zwischen meinem ~5. und 20. Lebensjahr hatte ich einige Bienen- und Wespenstiche zu beklagen ohne je ein Problem gehabt zu haben. Schwierig zu schätzen aber ich würde meinen mind. 20 Bienen- und 10 Wespenstiche. War ja einerseits Pfadfinder und anderseits spielten wir vielmals Barfuss Fussball im Strandbad Biel, die meisten habe ich mir da eingefangen. Dann folgte eine längere Phase von ~10 Jahren ohne Stiche und mit 30 Jahren an einem Sonntag folgte eine neue Erfahrung. Sommer, Sonnenschein ziemlich ich schätze 08:30 Uhr ging ich mit der Sonntagszeitung in den Garten. Die Kids waren ausgeflogen meine Frau und das Au-Pair noch tief am Pennen. Ich setzte mich in den Garten und las meine Zeitung, auf einmal hat mich etwas in den Fuss gestochen. Hab sofort gecheckt, dass dies eine Biene war und entfernte den Stachel und weiter mit Zeitung lesen. Nach ungefähr 5 Min. bemerkte ich ein flaues Gefühl in der Magengegend, etwa so wie man sich fühlt kurz bevor man bewusstlos wird (kannte ich zum Glück). Nach ein paar weiteren Minuten wurde mir dann sehr komisch ich merkte wie der Blutdruck langsam zusammenfiel. Ha jetzt habe ich gecheckt, dass das Bienengift meinem Körper echt zu schaffen macht. Manchmal sind Erfahrungen mit Substanzen jenseits der Suchtproblematik wertvoll, in diesem Falle enorm wertvoll! Es wurde mir bewusst, dass ich nicht länger an der Sonne bleiben darf, ich ging auf alle Viere um weitere Komplikationen zu vermeiden und schnagte zurück ins Haus. Im Wohnzimmer habe ich dann nach Hilfe gerufen, mich selber in die Seitenlage gebracht und habe das Bewusstsein verloren. Wie lange die Bewusstlosigkeit dauerte kann ich nicht sagen, ich meine nur Sekunden, das Au-Pair und meine Frau meinen es hätte Minuten gedauert. Was weiss ich, kann mir nicht vorstellen, dass es länger dauerte, ich weiss nur, dass ich instinktiv richtig reagiert und die Ruhe bewahrt habe. Im Nachhinein bin ich sicher, dass wenn ich wie wohl einige in derselben Situation hyperventiliert hätte, diesen anaphylaktischen Schock nicht überlebt hätte. Nach kurzem Rückruf mit meiner Ärztin und einer Stunde chillen war ich wieder topfit auf den Beinen und um eine interessante Erfahrung reicher.

Die Nachuntersuchung im Spital ergab, dass ich Bienenallergiker Grad IV – mit Anaphylaxie (Schockreaktion) bin. Man empfahl mir eine Immunisierungstherapie auf der Intensivstation, mich so quasi ins Koma legen und ein paar Tage lang mit Bienengift vollpumpen … das kam natürlich überhaupt nicht in Frage.

Die ersten 5 Jahre nach der Diagnose hatte ich das Allergieset mit Epipen jeweils dabei, danach 5 Jahre nicht mehr, danach während 1 Jahr Weltreise wieder und dann wieder 3 Jahre nicht mehr. Seit 18 Monaten bin ich wieder viel mit dem Mountainbike unterwegs, da ist schnell was passiert und darum bin ich wieder ausgerüstet. Bin ja auch ab und an mit Freunden unterwegs und das ist auch ein Grund weshalb ich das Zeugs habe, will ja nicht andere über Gebühr belasten.

Aber ich bin zwiegespalten, eigentlich wollte ich das Teil erst Ende Jahr erneuern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Epipen nach Ablaufdatum nicht mehr wirkt, die haben doch sicher Sicherheitsmarge eingerechnet und auch 2/3-Wirksamkeit werden genügen, denn ich bin ja überzeugt, dass ich auch einen weiteren anaphylaktischen Schock ohne Epipen überstehen werde, einfach nicht hyperventilieren sondern ruhig zu Boden legen und abwarten was passiert. Vom Arzt habe ich das OK das ich ruhig zuwarten darf mit dem Epipen, wenn ich mich eben Ruhig verhalten kann … und das kann ich!

Da ich jetzt mehr über das Thema weiss denn je, bin ich gespaltener denn je. Das verflixte an der Sache mit dem anaphylaktischen Schock ist – ich weiss erst nachher ob ich ihn überleben werde. Ich gehöre ja nicht zur Risikogruppe der über 45jährigen mit kardiovaskulärer od. schwerer pulmonaler Komorbidität, im Gegenteil ich gehöre zu den Gesunden und sehr Fitten.

Es gibt natürlich grad so beim Mountainbiken die Gefahr, dass man eine Biene in den Rachen bekommt und da kann es dann doch sehr schnell sehr kritisch werden. Das spricht dafür, dass ich den Epipen doch einigermassen up-to-date halten sollte. Aber bitte keine Panik – der Epipen wird nicht nach dem ersten Tag nach Ablauf wirkungslos sein.

Unersetzlich sind sie dennoch als Bestäubungsmaschinen und Honiglieferanten, ich liebe die Bienen :-)

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Über Daniel S.

Unwichtig :-) oder siehe hier: rock-that-body.com Kontakt via E-Mail: daniel(at)rock-that-body.com
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Eine Antwort zu Bienchen, unersetzliche Killer

  1. Pharmama schreibt:

    Also *ich* würde mir einen neuen besorgen sobald er abläuft. Aber im Endeffekt geht es auch nicht um mein Leben, sondern um Deines.
    Allergien haben auch das Problem, dass man nie weiss „wohin“ sie sich entwickeln. Während bei manchen die Reaktionen auf etwas mit der Zeit abnehmen, werden sie bei anderen eher stärker. Dann … würde auch ruhig bleiben und hinlegen in Seitenlage nicht mehr etwas bringen.
    Und ganz wichtig: Wenn man ihn nicht dabei hat, dann kann er auch nicht wirken!

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